Wo sind unsere Masterplätze?
Zuletzt aktualisiert (Donnerstag, 03. Mai 2012) von Laetitia Böhm
Die Situation ist ernst: Die Mehrheit der WU Bachelor-Absolventen wird nie einen Masterplatz an ihrer eigenen Universität bekommen.
Die Studienbedingungen könnten kaum schlechter sein. Zuerst muss man sich durch eine Eingangsphase im Bachelorstudienplan kämpfen, welche zum größten Teil der Selektion dient. Die darauf folgende Anmeldung zu Pflichtlehrveranstaltungen ist eine reine Lotterie. Zusätzlich sind Plätze in SBWLs Mangelware. All das sind Dinge, die man in Kauf nehmen muss, um einen Bachelor an der WU zu erlangen.
Als frischgebackener WU Absolvent hat man dann im Grunde zwei Möglichkeiten: Entweder man wählt den direkten Weg in die Arbeitswelt. Hier könnte sich der Einstieg jedoch als problematisch herausstellen, da der Bachelor in der Arbeitswelt noch nicht als vollwertiger akademischer Titel gilt. Oder man studiert in einem Masterprogramm weiter. Laut einer aktuellen Umfrage wollen dies auch 89 Prozent der WU Studierenden machen. In nackten Zahlen ausgedrückt: Von den ca. 23.000 Bachelorstudierenden an der WU wollen ca. 20.500 ein Masterstudium anhängen.
Angebot vs. Nachfrage
Die Nachfrage ist also auf jeden Fall in ausreichender Form vorhanden. Wie sieht das Angebot an der WU aus?
Ab dem nächsten Wintersemester starten drei neue englischsprachige Masterprogramme. Socio-Ecological Economics and Policy, Marketing und Information Systems. Letzteres ersetzt das deutschsprachige Programm Wirtschaftsinformatik, welches nicht mehr begonnen werden kann. Insgesamt bietet die WU 14 verschiedene Masterprogramme an, sieben in deutscher sowie sieben in englischer Sprache. Jedes Programm hat eine maximale Teilnehmeranzahl von 60 Studierenden, das macht insgesamt um die 840 Plätze jährlich.
Das sich die angebotenen Masterplätze nie mit der großen Nachfrage decken können, ist mittlerweile auch der WU klar geworden. In einer Presseaussendung legten sie einige brisante Zahlen offen. Von 3.570 Personen, welche sich im Wintersemester 2010/11 für ein Masterprogramm beworben haben, sind nur knapp 1.050 zugelassen worden. Die anderen knapp 70 Prozent scheiterten an den qualitativen Aufnahmekriterien. Aber auch von den restlichen 30 Prozent, welche noch nicht vor dem eigentlichen Beginn des Studiums ausgesiebt worden sind, können nicht alle studieren.
Die bittere Wahrheit
Die WU hatte im letzten Semester nämlich nur Kapazitäten für etwa 720 Studierende. Was ist mit der Differenz von etwa 330 Studierenden passiert? Diese wurden in den unterschiedlichsten „Einstiegsverfahren“ rausgeprüft. In manchen Mastern ist das eine halbsemestrige Eingangsphase, wo selbst Professoren zugeben, dass diese nur existiert, damit möglichst viele Studierende daran scheitern. In anderen gibt es kürzere Knock-Out Verfahren, wo es von einer einwöchigen „Prüfungswoche“ bzw. einer einzigen Prüfung abhängt, ob man weiter studieren kann oder ein Jahr Stehzeit hat. In einem Fall gibt es sogar ein Assessment Center, wo man sich gegenseitig auszubooten versucht, um einen begehrten Platz im Master zu bekommen. Am Ende bleiben dann „zufällig“ rund 60 Studierende über. Hier bewegen sich die zuständigen Institute und Departments rechtlich jedoch auf ganz dünnem Eis. Denn quantitative Beschränkungen in den deutschsprachigen Masterprogrammen sind gesetzlich nicht gedeckt.
Das all dies nichts mit Qualität oder Fairness zu tun hat, versteht sich wohl von selbst. Noch schlimmer sieht es in Sachen Transparenz aus. Wie welche Kriterien in die Benotung der Eingangsphase hineinfließen wird wenig bis gar nicht kommuniziert. Bei den englischsprachigen Masterprogrammen werden zum Beispiel die schwammigen Begriffe Zielstrebigkeit und Leistungspotential als Aufnahmekriterien angeführt. Auch die Prüfungsleistungen werden herangezogen. Ob und in wie weit der Notendurchschnitt von WU-Studierenden gegenüber von anderen internationalen Studierenden, die aufgrund von strukturellen Bedingungen meist einen besseren Durchschnitt vorweisen können, gewichtet wird, ist nicht bekannt. Die Studieneignung wird nämlich von einer Kommission von Experten bewertet, danach folgt noch ein Aufnahmegespräch. Begründungen für eine Ablehnung gibt es nicht.
Keine Besserung in Sicht
Sieht man sich die Anzahl an Bachelorabsolventen pro Studienjahr an, wird bewusst, dass sich die Problematik in Zukunft noch verschärfen wird. Allein zwischen den Studienjahren 09/10 und 10/11 gab es eine Steigerung von fast 100 Prozent an Absolventen an der WU. Zwar wird für das Studienjahr 11/12 eine geringere Steigerung erwartet, geschätzt werden in etwa 1.300 Absolventen, jedoch wird dies an der prekären Situation nichts ändern.
Viel mehr stellt sich noch ein anderes Problem. Nachdem jedes Jahr etliche Studierende an den qualitativen sowie an den quantitativen Hürden scheitern, entwickelt sich ein immer größerer Rückstau an Studierenden. In anderen Worten: Zu den jährlichen Bachelorabsolventen, die einen Master an der WU machen möchten, kommt eine beträchtliche Anzahl an potentiellen Studierenden dazu, die beim letzten Mal gescheitert sind.
WUler nicht willkommen
Als wäre der Kampf um einen Masterplatz nicht schon schwer genug, setzt die WU dem Ganzen noch die Krone auf. Zwar kämpfen sie offiziell für eine Ausweitung der Kapazitäten und des Budgets, um für bessere Studienbedingungen zu sorgen und den WU-Studierenden einen Platz in einem Master zu verschaffen. Intern geht es jedoch in eine ganz andere Richtung, welche den wenigsten Studierenden bekannt ist. Die WU macht vermehrt im Ausland Werbung für ihre Masterstudien, um auch internationale Studierende anzulocken.
Im Grunde ist dies nichts verwerfliches. Der Dissens zwischen beiden Aussagen ist jedoch offensichtlich. Einerseits wird gebetsmühlenartig darauf hingewiesen, dass die WU keine Kapazitäten in den Mastern für uns WU Studierende hat, andererseits wird außerhalb von Österreich um jeden internationalen Studierenden gebuhlt, damit dieser für einen Master an die WU kommt. Schon jetzt sind etwa 30 Prozent der Studierenden in den WU Masterprogrammen „Fremdabsolventen“, also Studierende, die nicht an der WU abgeschlossen haben. Tendenz stark steigend. Es sind jedoch nicht nur internationale Studierende, die hier hineinfallen. Auch Absolventen von anderen österreichischen Universitäten und Fachhochschulen belegen begehrte Plätze in den WU Mastern.
Den meisten Studierenden sind all diese Hürden nicht bewusst. Derzeit rechnen noch immer 54 Prozent der WU Studierenden mit einem Masterplatz an ihrer Universität. Man kann es uns auch nicht verübeln. Wer sich einmal durch die qualvollen und langwierigen Mühlen des Bachelorstudiums gekämpft hat, sollte einem Master an der WU mehr als würdig sein. Leider sieht das unsere Uni ein wenig anders und macht uns einen gehörigen Strich durch die Rechnung. Eine Verbesserung der Situation ist in naher Zukunft noch nicht in Sicht.
So düster es jetzt auch aussehen mag, wir werden uns auf jeden Fall für Verbesserungen einsetzen und dich über aktuelle Geschehnisse sofort informieren!
Christian Tafart
Vorsitzender ÖH WU
AktionsGemeinschaft WU
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